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Mikrokosmos
Feature über KAGE in "Visuell"

Kunst oder Dokumentation?
Ein Gespräch mit Prof. Manfred P. Kage

"Mikrofotografien sind zunächst nichts weiter als Fotografien winziger Objekte mit Kameras, die an moderne Mikroskope angeschlossen werden", meint Prof. Manfred P. Kage. Die professionelle Wissenschaftsfotografie im Mikro-Bereich ist untrennbar mit seinem Namen verbunden, er zählt in Europa zu ihren Pionieren. Seit er 1960 sein "Institut für wissenschaftliche Fotografie und Kinematografie" im Schloss Weißenstein gründete, tastet er sich - gemeinsam mit seiner Frau Christina - mit enormem technischem Aufwand in Welten vor, die bislang für die Kamera unerreichbar waren.

visuell: Mögen Sie kleine Dinge?
Manfred P. Kage: Schon als kleines Kind habe ich mit dem Bruchstück einer Lupe fasziniert Ameisen beobachtet, die Blattläuse gemolken haben. Mit 8 Jahren sah ich dann durch das "goldene Mikroskop" - es bestand natürlich aus Messing - meines Onkels das erste Legepräparat von Diatomeen, das sind winzige, höchstens millimetergroße einzellige Pflanzen, mit einer unglaublichen Geometrie, welches mich vor allem für diese winzige Welt prägte. Diese Liebe ist bis heute konstant.

visuell: Vieles, was uns in der Mikrofotografie begegnet, assoziiert das Naturschöne als - wie Goethe es nannte - eigene "geprägte Form" der Ästhetik. Vor der Fotografie gab es ja die wissenschaftlich idealtypische Illustration, nehmen wir Ernst Häckels brillante "Kunstformen der Natur". Eine Gewissensfrage: Wird Naturschönheit nur gezeigt und offenbart oder wird sie im Prozess des Aufbereitens des Präparats und des Fotografierens erst geschaffen?
Manfred P. Kage: Wahrnehmung und Gefühl für Naturschönheit entsteht beim Beobachten meist durch Vereinzelung von Naturobjekten-also durch Reduktion. Die Herauslösungaus vielfach chaotischer, komplexer Umgebung ist eine der wichtigsten Methoden der wissenschaftlichen Untersuchungen. Schließlich erfolgt die bildliche Wiedergabe durch die Fotografie. Arrangement und Konzentration auf die am wesentlichsten erscheinende Bildaussage, die Überhöhung spezifischer Merkmale durch künstlerische Verfremdung - etwa Beleuchtungsverfahren -, ohne allerdings die wissenschaftliche Aussage zu verletzen, war mein Ziel, das unter dem Begriff "Science Art", der Integration von Kunst und Wissenschaft, seinen Ausdruck fand.

visuell: Ihre Anfänge in den Wissenschaften waren die eines Chemie-lngenieurs. Wie kamen Sie dann ausgerechnet zur Wissenschaftsfotografie?
Manfred P. Kage: Anfang 1957 war ich Mitglied in einem Privatzirkel der Wiesbadener Malerin Christa Moering. Der Künstler Peter Schermuly regte mich damals dazu an, die wunderbaren Kristallisationen, die ich durchs Mikroskop bewunderte, doch endlich einmal zu fofografieren. Also baute ich mir in 2 Tagen eine eigene Dunkelkammer, belichtete und entwickelte 9 x 12 cm gläserne Fotoplatten (Silber-Eosin) - obwohl ich bis dahin noch keine Ahnung von Fotografie hatte - und kam 2 Wochen später mit fertigen 18 x 24 Schwarz-Weiß-Abzügen zum nächsten Künstlertreffen. Christa Moering hat mich nach einer Ausstellung in ihrem Atelier dazu ermuntert, meine sichere Arbeitsstelle bei Kalle in Wiesbaden aufzugeben und mich mit Fotografie selbständigzu machen. Ich hatte damals mit meiner wissenschaftlichen Fotografie nebenbei schon mehr verdient als in einem Monat als Angestellter. Damals war ich 25 Jahre alt und habe diesen Sprung gewagt.

visuell: Inwiefern hat sich die Wissenschaftsfotografie der letzten Jahrzehnte verändert? Sie steht ja immer zwischen den beiden Polen Kunst und Dokumentation, wo aber würden Sie den aktuellen Mainstream der Disziplin verorten?
Manfred P. Kage: Die Beantwortung dieser Fragestellung ist wie die Beschreibung einer hundertarmigen, rückgekoppelten Krake. Ich will es dennoch versuchen: Wissenschaftliche Fotografie wurde in den 50er und 60er Jahren nur in Instituten und Firmenlabors für dokumentarische Zwecke realisiert. Ich habe dann erstmals weltweit freie, künstlerisch verstandene Wissenschaftsfotografie in quadratmetergroßen Cibachromen ausgestellt, z.B. im Kunstgewerbemuseum Zürich 1964, 1970 auf der Photokina in Köln und 1971 auf der Weltausstellung in Osaka. Zwischen 1972 und 77 kam dann mit kometenhaftem Aufstieg die Rasterelektronenmikroskopie ins Blickfeld des öffentlichen Interesses. Als ich 1977 das erste Gerät von ISI (USA) auslieh, gab es REMs praktisch nur in Hochschulinstituten. Von Farbe war und ist dort - teilweise bis heute - keine Rede gewesen. Die Firma ISI wünschte aber für einen Katalog dringend farbige Büder. Ich hatte mich mit diesem Thema selbst schon lange beschäftigt und mich gefragt, wie man aus einem hochaufgerüsteten ISI 60 jemals Farbfotos herausbekommen könnte. Während einer monatelangen Durststrecke, die von Niederlagen gepflastert war, habe ich endlich mit einem Gamma-Diskriminator und einem Farbfilterrad vor der 13 x 18 REM-Kamera farbige Bilder für einen Kalender und den ISI-Prospekt realisiert. Heute werden REM-Bilder auch bereits an einigen Universitäten an digitalisierten REM-Geräten mit Photoshop farbig gemacht.

visuell: Und wohin entwickelt sich diese Fotografie?
Manfred P. Kage: Der Mainstream der Wissenschaftsfotografie geht heute in Richtung Life-Sciences, Fluoreszensmikrofotografie mit Hilfe des Laser-scanner-Verfahrens und dokumentarischer REM-Fotografie. Dies erkennt man auch, wenn man die Kalender von Zeiss, Leica und Olympus anschaut. Nur einige wenige Personen betreiben wissenschaftliche Fotografie noch mit einem künstlerischen Aspekt. Dies aber meist nur an einem Gerät, dem REM. Die gesamte Bandbreite der Lichtmikroskopie mit all ihren Beleuchtungsverfahren gerät immer mehr in Vergessenheit und hat sich teilweise auf Liebhaber einiger mikroskopischer Gesellschaften verlagert. Nur wenige Spezialisten weltweit beherrschen noch die gesamte Bandbreite, die eigentlich von der Aussage und der Ästhetik her für die wissenschaftliche Dokumentation unverzichtbar ist. Wissenschaftsfotografie quo vadis? Schwer zu sagen. Wenn vielleicht eines Tages die Lust am "nur Bedienen aus dem Internet" vergangen ist, wird es vielleicht auch für Wissenschaftsfotografen wieder mehr Aufträge geben, Neues zu dokumentieren und dies dann vielleicht auch künstlerisch zu präsentieren. Im Hause Kage werden die gesamten Künste der wissenschaftlichen Fotografie - einschleßlich 3-D-, Endoskop- und Mikrovideoaufnahmen gepflegt und bereits an die nächste Generation weitergegeben.

visuell: Sie unterhalten mit Ihrem Institut Kage ja eine regelrechte High-Tech-Forschungseinrichtung mit einem fast unglaublichen Fundus an optischen und technischen Apparaturen, von der Röntgenausrüstung bis hin zu mehreren REMs. Wie kann man als Fotograf und Filmer ein solches "Studio" ökonomisch am Laufen halten? Reden wir erst gar nicht von den Heizkosten eines 500 Jahre alten Schlosses auf der Schwäbischen Alb...
Manfred P. Kage: Heutzutage ist es wirklich sehr viel schwieriger geworden, ein solches Raumschiff am Leben zu erhalten als es noch vor ca. 15 Jahren der Fall war. Meine Frau und ich suchen und finden jedoch immer wieder neue Wege, die uns dies ermöglichen. Sei es durch Vorträge, Ausstellungen, Führungen im Schloss, durch die Erfindung ganz neuer optischer Verfahren und durch ein kontinuierliches Weiterforschen auf dem Gebiet der Mikrofotografie. Man muss auf dem neuesten Stand bleiben, sowohl auf dem Gebiet der Technik als auch dem der wissenschaftlichen Forschung weltweit. Und man muss natürlich auch eine Liebe zu diesem alten schönen Gemäuer entwickeln, das seit 1241 bekannt ist. In allen Bereichen ist meine Frau meine ebenbürtige Partnerin und stete Inspiration für neue, ungewöhnliche Wege auf dem Gebiet der Mikrofotografie. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Erforschung der Biodiversität der Lebewesen des Süß- und Meerwassers.

visuell: Neben Ihrer Technikbegeisterung sagt man Ihnen auch eine gewisse metaphysisch-esoterische Ader nach. Ist das ein Resultat der Beschäftigung mit Dingen, die nahezu unsichtbar und mit dem Auge nicht fassbar sind? Hat die Mikrofotografie hier eine gewissen Nähe zur Quantenphysik? Nennen wir nur Erwin Schrödingers oder Pascal Jordans Hang zur Metaphysik.
Manfred P. Kage: Wenn man nicht gerade als strenggläubiger Fundamentalist oder schlicht naiv seine geistige Weltschau auf den einfachen Materialismus reduziert, kann man doch nicht die unglaublichen Sternenwelten eines Hubble-Teleskopes und die Flugvisionen auf der Marsoberfläche ungerührt hinnehmen, ohne sich durch die Analogieentsprechungen von Makrokosmos versus Mikrokosmos - Nanowelten - wie selbstverständlich auf die Tabula smaragdina eines Hermes Trismegistos "Wie oben - so unten" einzulassen.

visuell: Wenn Sie einen 2.000 Jahre alten Alchemisten - oder war er gar eine alexandrinisch-ägyptische Gottheit? - bemühen, dann wird es wirklich esoterisch!
Manfred P. Kage: Nun, wenn man viele hundert Male Magnesiumsulfat aus wässriger Lösung kristallisieren lässt, das unerwartete, vielgestaltige Ergebnis dann mit einem speziellen Polaristionsmikroskop in ständig wechselnden Farben metergroß an die Wand projiziert, entsteht automatisch ein Zustand, in dem man entweder entzückt oder "verrückt" die Nähe zur "königlichen Kunst" der Alchemie empfindet. Das hat aber weder mit den äußerst fragwürdigen Machenschaften der Esoterik noch denen der Astrologie etwas zu tun! Immerhin bestehen die wichtigsten festen Planeten unseres Sonnensystems (Mars, Venus und Mond z.B.) und natürlich unsere Erde vornehmlich aus kristalliner Materie, und auch in allen Lebewesen spielen Kristalle eine entscheidende Rolle. Dem Wachstum und der Entstehung dieser Kristalle auf die Spur zu kommen, war und ist eines meiner innersten Anliegen. Dahintersteht der Wunsch, zu erfahren, was die Welt "im Innersten zusammenhält". Leider habe ich mich bei einem Interview mit dem STERN dazu hinreißen lassen, auf die Frage, was mich als Mikrofotograf denn so an der Kosmologie und der Astronomie fasziniert, zu antworten, dass schlussendlich in den Adern von uns allen bionisierter "Sternenstaub" fließt, der seit der letzten Supernovaexplosion vor ca. 5 Milliarden Jahren zur Entstehung unseres Sonnensystems und damit auch unseres irdischen Heimat-Planeten beigetragen hat. Einmal darf man raten, in welche etikettierte Schublade man mich damit verfrachtete. Heutzutage ist eine solche Antwort auch unter Wissenschaftlern selbstverständlich und eine Binsenweisheit!

Institutfürwissenschaftliche Fotografie - Manfred P. Kage - Christina Kage
Schwerpunkte: Mikrofotografie, Rasterelektronenmikrosopie (REM) aus Natur, Medizin, Technik und Science Art
Besonderheiten: spezielle Beleuchtungsverfahren, die teilweise selbst entwickelt wurden: z.B. Polarisation mit einem Polychromator.
Mit einem Light-Scanning-System können z.B. stereoskopische Insektenaufnahmen mit riesiger Tiefenschärfe gemacht werden; Mikro-Video, u.a. von Mikroorganismen.
Agenturbestand: 40.000 Bilder, davon digital: ca. 5.000
Int. Partneragenturen: Peter Arnold (New York), Science Photo Library (London), Okapia (Frankfurt)
Vermittlung von Auftragsarbeiten: ja
Webseite: www.kage-mikrofotografie.de
Online-Recherche: nein
Webportale: Fotofinder
Leiter der Archivs: Manfred und Christina Kage