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Mikroskopie und Mikrofotografie – kann man davon leben?
Wissenschaftliche Mikrofotografie im Kage-Schloss
Auf einen langen Zeitraum blickt Manfred Kage zurück. Vor fast 50 Jahren hat sich der gelernte Chemie-Ingenieur für die professionelle Beschäftigung mit der Mikrofotografie entschieden. Was zunächst 1959 in einem Einfamilienhaus in Winnenden (Württemberg) begann, wurde 1972 im Schloss Weissenstein, Lauterstein, fortgesetzt. Von einem kaum nachvollziehbaren Enthusiasmus getrieben baute Kage, der sich den größten Teil seiner Optik- und Mikroskopierkenntnisse im Selbststudium erarbeitete, in diesem über 500 Jahre alten, mit mehr als 50 Zimmern ausgestatteten Gemäuer sukzessiv eine unglaublich vielseitige Institution für Mikrofotografie auf. Hier findet sich eine Vielzahl an mikrofotografischen Einrichtungen. Wenn man es nicht selbst gesehen hat, glaubt man kaum dem, was man in der Branche zu erzählen weiß, und was im Internet nachzulesen ist (kage-mikrofotografie.com).
Will man im Kage-Unternehmen von einer Mikroskopierart auf die nächste wechseln, wird nicht etwa ein Mikroskop umgerüstet, sondern man wechselt schlichtweg den Arbeitsplatz, geht also zum nächsten Mikroskop (Abb. 1). Und zum nächsten. Und zum nächsten. Und zum nächsten. Woher alle diese Instrumente stammen könnten, wird bei einem flüchtigen Besuch nicht klar. Teilweise sind es wohl sehr betagte Geräte, die zum größten Teil von der Firma Zeiss stammen, die aber in einem absoluten Topzustand sind und jederzeit für professionelle Arbeit vom Feinsten eingesetzt werden können.
Es finden sich dort Systeme und Technologien, die heutzutage nirgendwo mehr käuflich erworben werden können, und die auch kaum noch jemand zu bedienen in der Lage ist. Im Kage-Schloss ist es möglich (Abb. 2). Und es gibt zahllose Schränke und Vitrinen, die reinste Fundgruben für optisches Zubehör sind. Selbstredend finden sich Fotodunkelkammern, welche für die Herstellung von Farbfotos im Quadratmeterformat ausgerüstet sind, was heutzutage, in der digitalen Ara allerdings nicht mehr so gefragt ist. Stattdessen gibt es nun digitale Großformatdrucker. Selbst eine voll eingerichtete Feinmechanikerwerkstatt für die Reparatur und Neuentwicklung von Mikroskopkomponenten steht zur Verfügung.
Alt in Schwarzweiß, neu in Farbe
Nun ist es aber nicht so, dass man im Institut für wissenschaftliche Mikroskopie nur von antiken Gerätschaften umgeben ist. Ganz und gar nicht. Selbstredend finden sich dort gleichermaßen Mikroskoptypen der aktuellsten Generation und der höchsten Qualitätsklasse. Und natürlich hat auch hier seit geraumer Zeit die digitale Fotografie und Bildbearbeitungstechnik Einzug gehalten. Die Dunkelkammern sind weitestgehend von Hochleistungscomputern abgelöst worden. Sie gehören bis auf weiteres zum Museum und zeigen heute jungen Fotografen die Welt vor der Digitalisierung.
Das Rasterelektronenmikroskop ist mehr oder minder seit Anbeginn der Arbeiten im Schloss ein zentrales Arbeitsgerät gewesen, das seiner zeit Manfred Kage internationale Beachtung eingebracht hat. Denn er war es, der damals, als noch alle Fotos das REM in Grautönen verließen, den Schritt gewagt hat, Farbe in die Objekte zu bringen. Er schaffte es seinerzeit, durch die Entwicklung eines Gamma-Diskriminators und Einfügung von Farbfiltern zwischen Monitor und Fotoapparat das zu verwirklichen, was er dann REM-Color nannte. Heutzutage gehört die Kolorierung von REM-Bildern zum Alltagsgeschäft der Bildschaffenden (Abb. 3). Damals war es absolute Pionierarbeit, wie es bei so vielen von Manfred Kages Innovationen der Fall war.
Heute sind Manfred und Christina Kages Bilder in Zeitschriften wie GEO, PM, Welt der Wunder sowie in zahllosen Büchern vertreten. International sind sie mit ihren Bildern in Forschungszentren von US-Firmen wie beispielsweise Procter & Gamble mit fast 100 Großformatabbildungen mikroskopischer Motive vertreten. Und erst kürzlich schlossen in Taiwan die Pforten einer von Manfred Kage produzierten 3D-Multivision Mikroshow mit 32 Simultan-Projektoren ihre Pforten.
In verschiedensten Fernsehsendungen haben Kages einer breiten Öffentlichkeit einen Zugang zur mikroskopischen Dimension vermittelt, nicht zuletzt durch ihre eindrücklichen Video-Produktionen.
Als besonderes Highlight der frühen Jahre sei noch zu erwähnen, dass Manfred Kage zu den ersten gehörte, die für Lichtboxen, welche anlässlich diverser Fachmessen mit Diapositiven von nur mikroskopisch erkennbaren Kristallstrukturen chemischer Substanzen im DIN A0-Format und größer bestückt wurden, die Bildvorlagen lieferte (Abb. 4). Heutzutage muss man sicherlich lange suchen, bis man jemanden findet, der Dias dieser Größe und vor allem dieser Qualität überhaupt noch herzustellen in der Lage ist.
Man muss eigentlich nicht gesondert erwähnen, dass die Kage-Produktionen in zahlreichen Schulbüchern dazu beigetragen haben und immer noch beitragen, für den Ausbildungsbereich die Darstellung der mikroskopischen Dimension adäquat und zeitgerecht wieder zugeben. Darüber hinausgehende Buchproduktionen beispielsweise über die mikroskopische Facette der Herstellung von integrierten Schalt- kreisen, also der in unserem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenkenden Chips, wurden in Kooperation mit Konzernen wie IBM realisiert. Derzeitig steht ein Bildarchiv mit nahezu 50.000 Bild- und Videodokumenten aus allen Bereichen der Makro- und Mikrofotografie zur Verfügung (Abb. 5). Namhafte nationale wie internationale Bildagenturen sind zu Recht stolz darauf, Bilder aus dem Kage-Schloss an entsprechend interessierte Kunden weiter vermitteln zu können.
Video: Von analog zu digital
Über die Erstellung von Mikrovideos hat sich das Institut Kage bereits zu Zeiten, als die heutzutage vergessene U-Matic-Technologie das Nonplusultra für Videoaufzeichnungen bedeutete, engagiert und ein eigenes Aufnahmestudio aufgebaut, mit dem Ziel, Videografien höchster Qualität herzustellen. Das ist ihnen gelungen. Unterdessen sind diese Dokumente in die heutzutage üblichen digitalen Dateiformate überführt worden. Sie werden immer wieder gerne in Fernseh- und Filmproduktionen eingesetzt, wenn es um die Visualisierung bestimmter Vorgänge in der mikroskopischen Dimension geht. Basierend auf diesem Material gibt es auch eine ansehnliche Anzahl von Filmproduktionen für Promotion-Aktivitäten, aber auch für wissenschaftliche Belange. So produzierten Christina und Manfred Kage beispielsweise die DVD „The Secret World of Protists“ für die Eröffnungszeremonie der 25-jährigen Jubiläumstagung der Deutschen Gesellschaft für Protozoologie in Berlin.
Nicht genug damit, auch für Science-Fiction Kinofilme wurden vielfach Spezialeffekte realisiert. Heute filmen Christina und Manfred Kage selbstverständlich mit HDV-Kameras. Eine besondere Herausforderung war die schwierige Adaptation der Profi-Kameras an Mikroskope der Unendlichgeneration.
An dieser Stelle müsste nun eigentlich eine Vielzahl weiterer Produktionen und atemberaubender Innovationen, welche das Kage-Unternehmen im Laufe seines langen Bestehens entwickelt und realisiert hat, erwähnt und kommentiert werden. Allein, das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.
Selbstverständlich ist das international anerkannte Kage-Institut für seine Leistungen mit einer Vielzahl von Preisen gewürdigt worden. Hier sei nur stellvertretend erwähnt, dass das Institut für wissenschaftliche Fotografie den angesehenen, hoch dotierten ersten Preis des Fotowettbewerbs „Bilder der Forschung 2006“, Kategorie „Faszination Forschung“, gewonnen hat (Abb. 6).
Es wird weitergehen
Das Lebenswerk von Manfred und Christina Kage droht nicht mit diesen beiden außerordentlich kreativen Menschen in weiterer Zukunft von der Bildfläche zu verschwinden. Denn die Tochter Ninja-Nadine, eine Biologiestudentin, die soeben ihr Studium mit einer Diplomarbeit über Tardigraden (Bärtierchen) (Abb. 7) beendet, ist schon seit Jahren ins Institut eingebunden, indem sie sich vor allem auf digitale Bildbearbeitung und Foto-Composing im Bereich Licht- und Elektronenmikroskopie konzentriert. Es zeichnet sich ab, dass von ihr dereinst die nach wie vor unbegreifliche und unglaubliche Kage-Gründung weitergeführt wird.
Der Markt für Top-Fotografen ist weltweit gesehen nicht sehr groß. Betrachtet man die aktuelle Situation, wird man schnell merken, dass es da nur Platz für einige wenige gibt. Diese wenigen müssen aber zunächst wagemutige Pioniere sein und dann absolute Spitzenprodukte abliefern, was die meisten Knipser von Mikrofotos, um das einmal so despektierlich zu sagen, zu leisten ganz und gar nicht in der Lage sind. An der Spitze dieser steilen Qualitäts-Pyramide steht neben einigen wenigen anderen zweifelsfrei das Institut für wissenschaftliche Fotografie in Schloss Weissenstein.
Auszug aus Sonderheft „100 Jahre MIKROKOSMOS“, 97. Jahrgang, 2008, www.elsevier.de/mikrokosmos
Verfasser: Prof. Dr. Klaus Hausmann
Freie Universität Berlin, Institut für Biologie/Zoologie, Leiter der Arbeitsgruppe Protozoologie, Köigin-Luise-Str. 1-3, 14195 Berlin, E-Mail: hausmann@zedat.fu-berlin.de
Der Autor ist Herausgeber des MIKROKOSMOS und Professor für Zoologie an der Freien Universität Berlin.
Abb. 1: Landschaftsachat im kombinierten Auf- und Durchlicht. Hierbei handelt es sich um eine Quarz-Varietät, die durch Farbeinlagerungen landschaftsähnliche Bilder zeigt. (Foto: Christina und Manfred Kage, Schloss Weissenstein)
Abb. 2: Kaleidoskopdarstellung von Kupferkristallen. (Foto: Christina und Manfred Kage, Schloss Weissenstein)
Abb. 3: Strukturgefüge von Vanadiumkristallen. (Foto: Christina und Manfred Kage, Schloss Weissenstein)

